Tilt. Ich bleibe an dem Wort hängen, wie die Kugel am Magneten. Tilt, was für ein Wort, irre eigentlich, dass das mal in unserem deutschen Wortschatz herumgeisterte, als hätte es hier je heimisch werden können. Wer erinnert sich noch? Ich erinnere mich daran, wie es 1985 irgendwie da war. Tilt, schrien die aussterbende Flipperkästen. Tilt, stöhnte der Flipper, wenn man zu sehr rüttelte, als liesse sich mit Gewalt ein mechanisches von der Schwerkraft getriebenes Schicksal korrigieren. Tilt, die Kurzschlussreaktion des Systems, sobald ein Impuls zu viel da ist. Tilt als Reaktion auf den No Way Back Point.
Manchmal, wenn ich heute an den Begriff Tilt denke, sehe ich meinen Vater vor mir, wie er mit hüftsteifem Ehrgeiz am Flipperkasten stand und die Hände an die Seitenteile presste, als wolle er dem Gerät persönlich ein Geständnis abringen. Mein Vater war, so sehr es das Klischee verlangt, ein Kind dieser Zeit, als es in Spielhallen noch keine Videogames gab. Und glaubt mir, er konnte flippern. In der Toscana auf dem Camping, so meine frühesten Erinnerungen, schaffte er es, dass sich eine Menschentraube um ihn versammelte. Mein Hero, mein Superheld, mein Vater. Auch wenn die Figur in meiner Pubertät an Glanz verlor, ich werde ihn genau so in Erinnerung behalten. Ein Dreieck zwischen dem Verhältnis zu Technik, Spieltrieb und Kontrollverlust. Und doch bekam mein Vater am Flipper eine Art elektrischen Glanz in den Augen: Er wusste genau, wie weit er die Maschine fordern, reizen, anbeten durfte, bevor sie ihren Widerstand in alle Glühbirnen und Sirenen hinausbrüllte.
Die Frage brennt mir auf der Zunge: Wissen wir denn noch wie weit wir System fordern dürfen? Wie weit wir gehen dürfen, bevor wir das Spiel tilten?
Aber zurück in die italienische Spielhalle: Ich stand dann immer daneben, Kinderfinger um eine “Menta”, ein Stengeleis mit Minzgeschmack, und bestaunte, wie er mit der richtigen Dosierung an Stössen den Kugelverlauf “manipulierte”. Damals verstand ich nicht, was da zwischen der Flipperkugel und den Händen meines Vaters für eine Verbindung bestand — aber ich ahnte, dass ich Zeuge eines archaischen Rituals war, einer Art von Selbstkontrolle, die sich nicht mit Muskelkraft, sondern mit Fingerspitzengefühl und Beherrschtheit bewies. Aber es kam vor, dass der Kasten tilte. Dann schrie alles. Lichter explodierten, nichts ging mehr und auf der Anzeige erschien das Wort, das wie ein Bannstrahl durch den Raum schnitt: TILT. Mein Vater lächelte dann, fast erleichtert, als hätte er endlich jemanden getroffen, der ihm Paroli bot. Dann schob er wortlos eine neue Münze ins Gerät. Die Menge um ihn blieb, ich auch.
Es dauerte bis heute, Jahre, Jahrzehnte, bis ich verstand, dass dieses Ritual ein Gleichnis war, das mir Lebenshilfe gab, bevor ich überhaupt wusste, dass ich sie brauchen würde. Denn mein Vater war kein grosser Erklärer auf Augenhöhe, nur manchmal und in seltenen Momenten; aber er zeigte mir stattdessen, wie man Sachen angeht — mit dem richtigen Grad an Leidenschaft, aber auch mit einer Ahnung für die Grenzen des Systems. Er lehrte mich, dass die wirklich dramatischen Niederlagen nicht dann passieren, wenn man passiv danebensteht, sondern wenn man etwas zu sehr will, zu fest zupackt, zu verbissen agiert. Dann kippt irgendwas, und plötzlich ist alles blockiert. Tilt.
Ich erinnere mich an meine Carrera Bahn. Mein Vater, begeistert von der Idee, baute mit mir einen Kurs mit Start- und Ziellinie. Ich, damals circa sieben Jahre alt und in meiner Vorstellung begeistert von Formel-1-Legenden wie Nicki Lauda, fixierte mich auf das Gewinnen, als hinge mein Leben davon ab. Ich prüfte jede Kurve, justierte die Reifen der Autos, übte Startsequenzen. Als das entscheidende Rennen startete, war ich so aufgeladen, so fokussiert, dass meine Hände das kleine Auto mit zu viel Schwung aus der Kurve schleuderten. Mein Vater, der beobachtete, wie mein Carrera-Ferrari kopfüber im flauschigen alten Teppich aus den 70er landete, blickte mich kurz an und sagte dann mit seinem Flipper-Grinsen: Tilt. Ich fing erst an zu weinen, dann musste ich lachen. Vielleicht war das der Moment, in dem ich verstand, dass Kontrollverlust nicht immer eine Tragödie ist. Und auch das Gleichnis: zu schnell, zu viel = 70er Jahre Teppich. In der Hoffnung, dass einem nicht der Teppich unter den Füssen weggezogen wird, aber das ist eine andere Geschichte.
Und so zieht sich das durch mein Leben. Jedes Mal, wenn ich zu verbissen ein Ziel verfolge, zu sehr an Plänen festhalte, oder aus Prinzip gegen eine geistige Mauer renne, höre ich dieses leise, triumphierende Tilt aus der Vergangenheit. Es ist wie ein eingebautes Warnsystem, eine Art Schwellenwert für zu viel Obsessionen oder Überambition. Will man etwas zu sehr, verliert man das Gefühl für die feinen Schwingungen, kippt aus dem Lot, dem inneren Gleichgewicht und schliesslich steht alles blockiert da. Tilt.
Heute glaube ich, meine eigene Version von Tilt gefunden zu haben. Du navigierst durch den Tag, halbwegs aufrecht, halbwegs bei dir – und dann kommt das Unerwartete, wie es immer kommt: ein Seitenhieb, ein Plan der sich auflöst, eine Kleinigkeit, die droht zum Orkan zu werden. Und irgendwo, an einem Schwellenwert den du dir selbst gesetzt hast, ohne es je bewusst getan zu haben, kippt etwas. Tilt bedeutet auf Englisch zunächst nur das: kippen, schrägstellen, aus dem Lot geraten. Schon ein treffendes Bild. Aber ins Populärpsychologische übersetzt schwingt noch etwas anderes mit – die stille Vermutung, dass wir alle fragile Automaten sind, die bei einem Impuls zu viel, einfach kurz aufhören zu funktionieren, uns sammeln müssen, auf das nächste Münzstück wartend, das nächste Spiel wartend. In uns die Enttäuschung, dass wir das Spiel nicht zu Ende spielen konnten, weil wir zu viel wollten, den einen Schubser zu viel gegeben haben. Und im Wissen, dass sich Schicksal nicht mit Schubsern umleiten lässt… No Way Back oder doch?