99 zu 1 oder die Wiese mit dem Bär…

Da schauen wir auf die grüne Wiese. Und fühlen uns pudelwohl. Aber irgendwo auf der Wiese – BAM! – wie ein Pixelfehler auf dem brandneuen bei Digitec erworbenen Monitor: ein Fleck. Und der innere Film des unsäglichen Kampfs mit dem Support läuft in Sekundenbruchteilen ab, als würde man gleich das weisse Licht am Ende des Tunnels sehen.

Und genau dies bewirkt der braune Fleck auf der grünen Wiese seit Urzeiten, das Wort Pixelfehler war da noch Jahrtausende entfernt. Ein brauner Fleck gleichbedeutend mit Panikattacke. Doch woher kommt diese Angst? Die nackte Panik, der kalte Schweissausbruch. Lasst es mich mal so erklären: Für unsere Amygdala ist klar, dass der unbekannte Fleck Angstzustände auszulösen muss, denn wir können ihn nicht einordnen – unmöglich! Selbst wenn die Wiese so grün wie das Paradies selbst ist, der Urinstinkt schiesst wie ein Blitzschlag durch unseren Nervenbahnen. Das Armagedon der Sinne, oder wie hiess dieses Ding schon wieder? Amygdala, genau, und wer oder was ist diese verdammte Amygdala. Sie trägt einen Name wie eine Heldin aus der griechischer Mythologie? Doch lassen wir alles Heldentum mal beiseite. Wikipedia weiss wie immer, ja ja ich hätte auch eine KI fragen können, die passenden Antwort: Die Amygdala ist an der Furchtkonditionierung beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: Sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Super, denke ich. Dieses mandelgrosse Ding zwischen den Temporallapen unseres Gehirns hat also nicht besseres zu tun, als uns vor braunen Flecken auf grünen Wiesen zu warnen. Und sie tut es mit einer erschreckenden Verlässlichkeit. Oder sollte ich schreiben Gewissheit? Der braune Fleck war schon immer der Bär. Seit Urzeiten, seit der ersten Wiese, dem ersten Zittern im Gras. Wer ihn sah – und zwar rechtzeitig – der lebte. Wer ihn ignorierte, nun ja, der biss ins Gras.

Back to Business: Da können 99 Dinge auf dem Tisch perfekt sein – es braucht nur einen einzigen Menschen, der den Finger auf das einzige nicht perfekte zeigt. Den Finger auf den Bär richtet und sich in dieses Detail verbeisst – in diesen braunen Fleck inmitten all des Grüns. Ein Mensch reicht aus, der mit dem Finger auf die eine Sache zeigt, die seiner Meinung nach nicht oder noch nicht stimmt. Als wäre es der Fingerzeig Gottes auf den Bären – auch wenn ihn anderen noch gar nicht erkennen oder es auch nie tun würden. Schon die Vermutung reicht. Es geht dabei nicht um die Faktenlage, es geht gar nicht drum, ob es wirklich einen Bär gibt. Der Trigger, der Auslöser, das Frame ist gesetzt.

Und dann, so unvermeidlich wie das Amen in der Kirche, folgen die anderen. Die Negativspirale beginnt sich zu drehen, immer schneller, wie ein unaufhaltbares Karrousell. Versucht man bei diesem mal den Fuss rauszuhalten, keine Chance. Gegenargumente, selbst sachliche, führen nur dazu, dass es sich noch schneller dreht. Das ist Wasser auf des anderen Mühle. Topverhandler sagen hier: Geh nicht auf die Sache ein, gehe auf das ein, wo Einigkeit, Konsens gewiss ist. Bleib souverän und warte, bis das Karousell wieder stoppt. Wie als wir Kinder auf dem Spielplatz in diesen Drehdingern umherwirbelten bis es uns schwindlig oder beinahe übel wurde. Gerade in diesem Zustand war es unmöglich den Fuss rauszuhalten und das Drehen zu stoppen. Daher mein Rat: Lass es.

Doch wie überlisten wir diesen Bären? Muss ich ihn etwa bekämpfen, die Urangst vor dem Raubtier? Da wird aus Reflex alles in Schwarzmalerei und Panik getaucht? Die Wahrheit, so simpel wie irritierend, lautet: Nein, ich muss ihn weder überlisten noch bekämpfen. Der Bär ist unbesiegbar, solange Holzkeulen oder Fluchtinstinkte dominieren. Je entschlossener ich ihn vertreiben will, desto tiefer gräbt er sich ins Hirn meines gegenübers, und ich stärke das gesetzte Bild, das „Frame“, treibe die Spirale an.

“Not playing the Game, is also playing the game” Gewalt, Gegenwehr bringt nichts.

Vertrauen in die gute Sache, in dich selbst hilft mehr. Nicht das pseudophilosophische «Glaub an dich selbst»-Gefasel, das auf LinkedIn zwischen den Sprüchen über Work-Life-Balance und Mindset herumgeistert, sondern das tiefe, ruhige Vertrauen in den eigenen inneren Scout, der das Dickicht aus Panik und unkontrollierbarer Angst kennt wie die eigene Westentasche.

Ich erinnere mich an meine erste Nacht im Zelt, irgendwo in der Toscana. Es war stockfinster, nur ich lag wach mit pochendem Herz und blankliegender Amygdala. Jeder Ast, der knackte, war ein Wolf, jeder Windhauch ein Serienkiller, der sich hierher verirrt hatte. Ich lag da, bewegungslos, die Decke bis zum Kinn, und dachte an die Bären, mit denen man mich als Kind schon erzogen hatte. «Du musst nur ruhig bleiben», hatte mein Vater immer gesagt, wenn der Hofhund bellend um die Ecke kam. «Nicht wegrennen – anschauen, nicht provozieren, nicht zeigen, dass du Angst hast.» Damals dachte ich, es gehe wirklich um Hunde, dabei war es die beste Lektion meines bescheidenen Lebens. Wer seinen Angst-Bären anschaut, ihn vielleicht sogar mit einer Handvoll Porridge füttert, wird am nächsten Morgen immer noch da sein. Vielleicht etwas verwuselt, aber lebendig.

Und heute, Jahre später, verlasse ich mich auf die Erfahrung. Das klingt erstmal wie ein HR Slogan – die Erfahrung macht’s. Und doch ist sie wie ein unsichtbares Rückenmark, das einem Halt gibt, wenn die eigene, kleine Welt, in der wir uns befinden, wieder einmal kurz davor ist, zu kolabieren. Erfahrung ist das, was von den eigenen Fehlern übrig bleibt, wenn sich der Bär längst satt gefressen hat und eingeschlafen ist. Man kann sie nicht kaufen, nicht googeln, nicht delegieren. Sie ist immer ein bisschen schmerzhaft, ein bisschen blamabel, aber sie polstert das Innenleben besser als jede mentale Matratze.

Und hier erinnere ich mich an etwas, das mir als Kind wie eine Offenbarung vorgekommen ist: die Fernsehserie «Der Mann in den Bergen» – ein bärtiger Einzelgänger, der mit seinem zahmen Grizzly in den Rocky Mountains herumstapfte. Er jagte nicht, er kämpfte nicht, er lebt mit dem Bären. Sie existierten einfach nebeneinander. Vielleicht war das der eigentliche Trick: Der Bär bleibt, aber er frisst einem nicht, solange man ihm nicht die Show stiehlt.

Was heisst das jetzt für die grüne Wiese meiner Gegenwart? Ich sehe es täglich: Andere starren auf den braunen Fleck, rufen nach Verstärkung, organisieren Treibjagden. Der Bär wächst dabei mit jedem Blick, mit jedem Fingerzeig. Ich hingegen habe irgendwann aufgehört, Panik aufkommen zu lassen. Ich akzeptiere und kenne seine Existenz, seinen Geruch, seinen Rhythmus, das leise Knacken im Unterholz kurz bevor er auftaucht. Ich lasse ihm seinen Platz auf der Wiese, er lässt mir meinen. Kein Kampf, kein Vertrag, keine LinkedIn-Zertifizierung in Bärenmanagement. Nur zwei alte Bekannte, die gelernt haben, dass die Wiese (oder den Bergen) gross genug ist für uns beide.

Und falls du jetzt denkst, das klingt alles sehr weise und du willst das auch – keine Sorge, die Amygdala hat das bereits registriert und findet deinen Optimismus höchst verdächtig. Sie schläft nie. Sie hat auch diesen Absatz gelesen. Und sie ist der Meinung, dass da draussen, irgendwo zwischen deinem nächsten Meeting und dem Kühlschrank, ein Bär wartet. Vielleicht hat sie sogar recht. Aber weisst du was? Lass ihn warten. Der Kaffee ist heiss, die Wiese ist grün, und Wikipedia, ähh die verdammte KI, weiss auch keine bessere Antwort.

Dan Schaefler oder die Erfahrungen aus dem Projektmanagement…
geschrieben und publiziert am 15. Mai 2026




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