SCRUM, Change oder der Biss in die Tischkante

Das Morgenlicht im ehemaligen Schalterraum der Post ist anders, wenn die Sonne durch das Fenster ganz rechts direkt reinscheint. Es macht die Dinge klarer, aber auch gnadenloser: der Staub auf dem Monitor, der Fingerabdruck auf dem oberen Rand der analogen mechanische Tastatur mit den Tippgeräuschen einer alten Schreibmaschine, der unnötige Vorhang vor den grauen Metallschubladen. Trotzdem – oder eben deshalb – liebe ich meinen Arbeitsplatz zuhause. Es gibt diesen Moment am Tag – meistens zwischen sieben Uhr siebenunddreissig und neun Uhr zwölf – wenn die Sonne durch das erste Fenster über der Strasse in einem beinahe sakralen Winkel auf meinen Schreibtisch knallt, und plötzlich sieht alles aus, als hätte ich es im Griff. Das Leben, die Projekte, meine Wünsche. Eine Illusion, aber eine, die sich verdammt gut anfühlt.

Mein Gaming-Desktop-PC, den ich selbst zusammengebaut habe – dieser Umstand tut zwar nichts zur Sache, stolz bin ich trotzdem -, schwarz mit Glas und akkurat frei von Aufklebern (bin schliesslich kein Teenager mehr, und das Ding ist auch keine Laptop, auch wenn mich der Sticker „Eat. Sleep. Agile. Repeat.“ neulich kurz in Versuchung geführt hat) steht dort auf dem Tresen. Rechts daneben, streng parallel zur Tischkante, der „SCRUM Reference Card Stack“, den mir ein Bekannter aus den USA mal mitgebracht hat. Es sind 127 laminierte Karten, jeweils mit einem Gebot aus der Agilen Bibel: „Always Prioritize Value“, „The Stand-Up Must Stand“, „Done Means Done“, aber auch esoterischere Weisheiten wie „The Backlog Is a Living Thing“ – man merkt: der Kalenderspruch hat es ins Framework geschafft.

Eigentlich wollte ich heute nur einen ruhigen Blogbeitrag schreiben. Thema: „Wieso ich SCRUM liebe (und oft Personen trotzdem nicht dazu bringe, das Buch zu lesen)“. In der Theorie eine winzige Kolumne, ein ironisch-verliebtes Plädoyer für moderne Arbeitsmethodik, kennt man sie mal, versteht man nicht mehr wie mühsam der klasische Weg war, und dann ab damit ins Netz, als Gleitmittel fürs besseres Management. Doch jetzt, wo ich hier sitze, zieht die Überschrift in der geöffneten Schreib-Plattform (blasses Verlauf, viel Whitespace, der Editor zitiert Zen-Meister am Seitenrand) einen ganzen Strudel an Erinnerungen und Gedankengängen in meinen Kopf. Und statt die Finger übers Keyboard fliegen zu lassen wie ein frisch beförderter Product Owner im ersten Burn-down-Chart-Fieber, bleibe ich immer wieder in Gedanken hängen. Zum Beispiel an der Tatsache, dass in der Home-Office-Stille die Deckenlampen, es sind noch Neonröhren aus der Post Zeit, lauter summen als ich es je für möglich gehalten hätte. Sie geben kleine Laute von sich, als wären sie einer dieser alten Router, der an jedem neuen WLAN-Datenpaket seufzt. Die Gedanken mäandern, so wie unsere Katzen sonntags durchs Haus, und ich erwische mich beim Prokrastinieren. Zum Glück ist das bei SCRUM kein Makel, sondern Feature: Prokrastination ist “nur” ein Backlog mit schlechter Priorisierung.

Ich nippe an meinem roten Hybiskus-Tee (gerade sehr hip, zumindest bei mir, sehr Start-up), auf dessen Oberfläche ein einzelnes, schief schwimmendes Hybiskusblatt wie ein metaphorischer Projekt-Blocker herumirrt. Der Duft erinnert mich an einen ägyptischen Verkaufsladen, in dem ein Verkäufer mit der Überzeugungskraft eines Propheten behauptete, Kaffee sei das einzig Wahre – obwohl sein ganzer Laden nach Hibiskus roch. Es war ihm herzlich egal. Wieso kommt mir die Haltung irgendwie bekannt vor?

Oder der andere Kollege, der Kaffee zum einzig „agilen” Getränk erklärt hat: schnell, direkt, gnadenlos – ein Sprint, kein Spaziergang, kein Zögern, kein Tee. Tee, sagt er, sei das Getränk der Zögerenden. Ich widerspreche ihm – laut, heftig, jedes Mal – aber nur innerlich und verwandle mich in einen grauen Stein. Doch zu dem ein ander mal.

Vor mir liegt das SCRUM-Buch, das mich zu diesem ganzen Wahnsinn gebracht hat: „SCRUM: The Art of Doing Twice the Work in Half the Time“. Die Ausgabe ist gebraucht, Eselsohren, der Einband an einer Ecke angekaut (von der Katze im Büro, nicht mir, ich schwöre!), und zwischen den Seiten 89 und 90 steckt ein vergilbter Einkaufszettel mit der Notiz „Milch, Zwiebeln, Motivation?!“ – eine To-Do-Liste mit Fragezeichen. Ich kann mich nicht erinnern, den geschrieben zu haben, da hilft auch das Gingseng und Vitamin B12 am morgen wenig.

Ich atme durch, öffne ein neues Browser-Tab, und fange an. Die ersten Sätze kommen wie immer: gravitätisch, welterklärerisch, mit dem Gestus eines Mannes, der gerade die Relativitätstheorie neu entdeckt hat. Dann, nach dem dritten Satz, das vertraute Zögern – die leise Frage, ob die Welt wirklich auf einen weiteren Blog über meine Gedanken oder Arbeitsmethodik gewartet hat. Spoiler: Die achtundvierzig davor haben es auch überlebt.

Mir doch egal, denke ich, und muss an die „Unbeirrbaren” denken. Kannte ich gut, diesen Zustand: zu viele Bälle in der Luft, zu viel Druck im System – und am Abend grinst einem das To-Do-Listen-Monster aus dem Monitor entgegen. Fünf Punkte erledigt, sieben neue dazugekommen. Die Jahre auf Agenturseite, in Unternehmen, die ihr eigenes Wachstum kaum verdauen konnten – sie haben Spuren hinterlassen. Bis SCRUM kam. Und SCRUM ist nicht so eine flüchtige Bekanntschaft, die sich an einem miesen Tag im Bus kurz neben dich setzt, dir etwas zu lange in die Augen schaut und dann wieder verschwindet (einer dieser magischen Momente und dein Tag ist sofort besser) . Eher wie die Liebe deines Lebens, die gekommen ist, um zu bleiben. Erst rätselhaft, dann – Schicht für Schicht – immer vertrauter und unverzichtbarer. Oder wie eine Ärtztin, die man erst widerwillig aufsucht, dann aber nicht mehr missen will – weil sie einem nicht sagt, was man hören möchte, sondern was man braucht.

Aber was ist SCRUM wirklich? Wikipedia würde sagen: ein leichtgewichtiges, iteratives Framework (Rahmenwerk) zum Managen komplexer Projekte, zeitgemässer Teamführung, effiziente Art Produkte zu entwicklen – Rollen, Events, Backlogs, Sprints, fertig. Klingt nach Zahnarztbroschüre. Was es wirklich ist: ein stilles Eingeständnis, dass grosse Dinge selten im Alleingang und ohne Licht entstehen. SCRUM zwingt uns, Teamwork zu leben und ehrlich zu sein: Was liegt wirklich hinter uns, und wohin wollen wir eigentlich? Immer mit der Hoffnung – oder ist es doch ein Ziel? – dass am Ende etwas auf dem Tisch liegt, das wirklich fertig ist. Done Means Done.

Ab und an schicke ich jemandem den Link zum SCRUM-Buch, mit dem Hinweis: „Kauf es und hör dir wenigstens die ersten Kapitel an, dann reden wir weiter.” Manchmal frage ich nach. Meistens höre ich: „Keine Zeit” – oder ein vages „Ja, ja”, das klingt wie ein Versprechen, das nie eingelöst wird. Das Buch landet gedankelich im Regal, zwischen der Anleitung für die Nespresso-Maschine und dem Benutzerhandbuch für den Router – jenem Gerät, das angeblich nie Geräusche macht, bis es das dann doch tut.

Eigentlich, denke ich beim Tippen, ist das die perfekte Allegorie: Während ich neue Methoden probe und meine Euphorie bloggend an die Welt verteilen will, bleiben die Leute oft in ihren Systemen gefangen und verteidigen sie mit Inbrunst, die meine Bewunderung verdient.

Natürlich könnte ich jetzt eine triumphale Story erzählen: Wie ich Menschen eines Tages überzeuge, wie sie das Buch lesen oder sich anhören, plötzlich alles verstehen, und ihr Team, Projekt oder Vorhaben dann wie geschmiert läuft. Aber die Wahrheit ist: Die wirklich wichtigen Veränderungen im Business oder Leben passieren selten durch einen einzigen Blogpost, oder ein Buch. Die kommen langsam, schleichend, wie ein schleichendes WLAN-Update, und plötzlich merkt man: Heute machen wir es anders. Change braucht Zeit.

Deshalb schreibe ich meinen Blog nicht mehr als Manifest, sondern als Einladung. Und vielleicht, so hoffe ich, stolpert der eine oder andere Mensch irgendwann über diesen Text, vielleicht an einem besonders chaotischen Tag, vielleicht auch nur, weil der Router wieder spinnt und alles andere zu langsam lädt. Und dann bleibt er/sie hängen, an irgendeinem Satz, an einer Karte aus dem Reference-Stack, vielleicht an „Done Means Done“, und dann probiert er/sie es einfach mal aus.

Zwischen diesen Zeilen schaltet sich der Tee auf Körpertemperatur herunter, und ich merke, dass ich seit fünf Minuten nur auf meine mechanische Tastatur anstarre, ohne zu tippen. Die Gedanken kreisen, diesmal nicht um offene Tasks, sondern um die Verschwendung von Lebenszeit.

Ich stelle mir vor, wie ich einem dieser Menschen SCRUM demonstriere, wie die ersten digitalen Kärtchen wandern, wie das Team nach der ersten Retrospektive gemeinsam lacht, weil sie drei Wochen lang dasselbe Problem ignoriert haben. Ich weiss, dass das in echt länger dauert, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Ich lese meinen Text noch einmal durch. Er ist nicht genial, nicht mal besonders neu, aber er ist ehrlich. Ich lasse ihn so stehen, wie er ist, mit allen Widersprüchen, und klicke auf „Speichern“. Das Fenster bestätigt mir kurz darauf: „Draft saved.” Done Means Done.

Ich trinke den letzten Schluck Tee – kalt inzwischen, aber so ist das eben – und lehne mich zurück. Nächste Woche kein SCRUM-Reminder an Unbeirrbare. Jeder findet seinen Weg, mit Methode oder Müsliriegel. Und wenn wirklich gar nichts mehr geht, gibt es ja noch den “agilen” Kaffee meines Kollegen. Die Tasse stelle ich, Change braucht eben Zeit, neben den Abdruck meiner Zähne in der Tischplatte.




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