Priorität! oder das alte Rom …

Priorität. Jetzt mal ehrlich, was für ein Wort. Ein so wichtiges, bedeutungsschweres Wort, das man eigentlich mit beiden Händen tragen müsste, wollte man es durchs Leben bewegen. Und trotzdem wird es täglich massenhaft verschickt wie Spendenbriefe um Weihnachten. In jedem Podcast, jedem Elternabend, jedem seelenrettenden Ratgeberartikel werden Prioritäten gesetzt, und zwar so inflationär, dass man direkt nachschauen möchte, ob da noch genug Prioritäten für alle übrig sind. Ich versteh das nicht…

Und der Witz daran, der mir jedes Mal auf der Zunge zergeht: Das Wort – ich meine das ursprüngliche Wort Priorität – war eigentlich nie für die Mehrzahl gedacht. Es war als absolute Singularität angelegt! Im alten Rom – lateinische Ursprungstätte unseres Wortschatzes – stand „prioritas“ für das Erste, das Vorrangige, das eine Ding, das alles schlägt, wie im Quartett, Trumpf aus Prinzip. Priorität bedeutete: Es gibt genau eins, und alles andere muss warten, hinten anstehen, sich in den eigenen Schwanz beissen, Pech gehabt. Eigentlich so einfach. Man nimmt sich eine Sache vor, und die ist es. Fertig, aus, Punkt.

Aber jetzt? Jetzt gibt es ganze Prioritätenlisten, nicht zu verwechslen mit Bucketlists – wäre ja zu schön. Bullet Points, nummerierte To-Dos, für den Fall, dass eine Priorität zu wenig wäre, um uns mental zu versklaven. Und so sitzen wir da, moderne Menschen, die den Singular nicht mehr akzeptieren können, weil sie sich in der polyamurösen Welt wiederfinden, in der die Notwendigkeit, alles gleichzeitig und sofort zu priorisieren, zur Grundausstattung des erwachsenen Bewusstseins gehört. Wenn es nicht klappt mit dieser einen wichtigen Priorität, können wir zur nächsten swippen. Easy peacy – wenns nicht passt, lieber nicht zu viel Aufwand, links liegen lassen, bzw rechts rüber swippen. Supersache. Wirklich? Und in ganz scharfsinnigen Momenten, in denen wir überflutet sind mit “Tasks”, priorisieren wir sogar das Priorisieren selbst, als hätten wir das Perpetum Mobile erfunden oder gefunden, welches Forscher seit Jahrtausenden suchen. Aber nein, zu Gymnasiumszeiten hat mein bester Freund immer behauptet: “Die können noch lange suchen, ich hab’s bei mir im Keller versteckt.”

Doch zurück zur eigentlichen Priorität dieses Textes – im Singular, versteht sich. Ich stelle mir vor, wie die alten Römer*innen uns heute beobachten würden: ein müdes Kopfschütteln, vielleicht ein leises „Ihr habt es nicht kapiert.” Die hätten das Wort wohl nicht verschwendet, um eine Liste zu befüllen. Und dann fällt mir das Buch „Hyperfocus” von Chris Bailey ein, mit dem Slogan wie man weniger arbeitet und mehr erreicht. Symptomatisch, irgendwie. Wir ziehen ein Wort aus der ADHS Diagnostik, weil das einfache uns nicht reicht. Hyperfokus, wie ihn Chris Bailey in seiner Businesslektüre beschreibt, ist doch nichts anderes als das, was die Römer*innen schlicht Priorität nannten: eine Sache, volle Aufmerksamkeit, fertig.

Das ist doch im Widerspruch zu unserem Leben! Fünf Prioritäten, sagst du? Familie, Liebe, das tägliche Brot, die unaufhörliche Selbstoptimierung, und – natürlich – das gepflegte Nichtstun. Fünf. Prioritäten. Hat das Wort da noch irgendeinen Biss? Ich meine: Nichtstun als Priorität. Das ist doch schon fast poetisch in seiner Absurdität. Aber mal abgesehen davon – können wir das überhaupt noch? Einfach nichts tun?

Wahrscheinlich ist das die eigentliche Tragikomödie des modernen Menschen: Nicht das mit dem Ich-habs-im-Keller-versteckt, das Perpetum Mobile, sondern dass der moderne Mensch nicht mehr weiss, welches seiner Gefühle, Ambitionen oder Aufgaben das Vorrecht auf seine Aufmerksamkeit verdient hat. Und dass er darüber einen Grossteil seiner Lebensenergie verpulvert. Können wir uns, geprägt von der Multioptionalen Gesellschaft, denn nocht entscheiden? J.J. Sutherland bringt es im „Das Scrum Praxisbuch“ auf den Punkt: Projekte sind erfolgreicher, wenn man innert einer Stunde Entscheidungen treffen kann. Aber wir sind oft gelähmt, weil wir es nicht hinkreigen die eine wichtige Priorität zu setzen, stattdessen verzetteln wir uns. Beruflich wie privat. Jeder Task ein Zettel – das Leben wird zur Schnitzeljagt.

Das Resultat: ein inneres Gedränge, ein ständiges Vorrücken in der Warteschlange, aber niemand kommt jemals wirklich an die Reihe. Alles bleibt Fragment, Zwischenschritt, Prokrastination, ja Kastration des eigenen Potenzials, immer mit leicht schlechtem Gewissen, aber eben nur leicht. Und am Ende des Tages weiss man zwar, dass man permanent priorisiert hat, aber ist trotzdem mit nichts wirklich fertig geworden. Das nennt man dann wohl Prioritätenerschöpfung, ich weiss gar nicht, ob es dieser Wort schon gibt? Streichen wir es, es beinhaltet Priorität in Mehrzahl.

Ich glaube, wir müssen dringend lernen, Priorität wieder als oder im Singular zu denken. Schon alleine dem alten Rom zu liebe.




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